Beautiful Visualization

Es ist stockfinster, es ist Nacht, hinten ist das Meer, ein leichter Wind und die Gesichter leuchten. Auf der Terrasse sitzen diverse iPhones, zwei iPads, ein Android, ein Macbook und ein paar Notebooks. Das ist kein Nerdtreffen. Das ist ein Touristenhotel in Italien. Es gibt W-Lan. Und es gibt Fußball auf einer Leinwand. Hintergrundrauschen. Man kann jetzt semiberufliche E-Mails lesen, Filme runterladen oder Irgendwas bei Facebook machen. Finde das allerdings immer noch komisch, wenn man am Strand, im Wasser oder auf einer Terrasse beim Nudelessen telefoniert.

Lese gerade in dem 375 seitigen Mammutband Beautiful Visualization von O’ Reilly herum. Sehr klar, sehr anschaulich und sehr konkret. Zumindest die beiden Anfangskapitel. Das Ganze beginnt grundsätzlich. Was ist Schönheit? Okay, ein ästhetisches Urteil. Aber hier im Kontext reicht das nicht, ist nur eine von vier Komponenten - novel, informative & effective.

Schöne Herleitung anhand des Elemente-Periodensystems und der Londoner U-Bahnkarte. Gleichzeitige Erklärung warum diese neumodischen an die Londoner U-Bahnkarte angelehnten Infographiken meilenweit am Ziel vorbeischießen, nicht funktionieren und nur schwächliche Imitationen sind.

Auch sehr gut. Die Notwendigkeit des Storytellings beim Konzipieren und Erstellen einer Infographik. Welche Geschichte erzählt eine Karte. Welche Frage beantwortet eine Farbe. Dann ein Schritt für Schritt Tutorial zum Selbermachen. Leider eignet sich das iPad trotz beharrlich anderslautender Propaganda nicht mal im Ansatz zum produktiven Einsatz.

Eintragungen ins Nichts

Als Stefani Joanne Angelina Germanotta achtzehn Jahre alt war, beschloss sie Popstar zu werden. Das steht in einem Text von Harald Peters in der Welt am Sonntag. Es wäre ein guter Satz, wenn es der erste Satz eines Artikel wäre der eine Haltung abseits des oberflächlichen Staunes hätte, wenn Peters ihn direkt danach relativieren würde, wenn danach eine echte Meinung, eine echte These und echte Informationen folgen würden. Statt dessen folgt halbgar Zusammengeklaubtes. Denn Gaga kann aus dem Stand über Rilke und Warhol dozieren. Das stand bereits in der InTouch. Und beruht wahrscheinlich auf ähnlich famoser Quellenrecherche. Lesen würde ich gerne. Eine gute Geschichte über das Haus of Gaga - die versammelte kreative Energie hinter, neben, über und unter der Kunstfigur.

M.I.A. wurde am 18. Juli 1975 geboren. Sie gehört zu einer Generation von Leuten, die mit Nietzsche, Lenin und Lacan in London, Brüssel und Buenos Aires zusammengelebt hat. Nicht lange und auch nicht wirklich natürlich, aber doch virtuell. Steht in einem Artikel von Cord Riechelmann in der FAS. Romantisierendes Feuilleton-Wunschgedenke.

Ansonsten. Gute Spex mit schrecklichem Cover. Bis dato beste Beschreibung des Tanzstils des Sängers der Drums. Und Kate Bush. Text und Bilder. Guter Born Free Video Text. Loïc Prigent. Kannte ich nicht. Sehr gut. Danke. Ansonsten. Der Anfang von Richard Price / Cash ist langweilig. Auch wenn in der Glamour und der Faz und allen anderen Heften steht dass das lesenswert ist. Wenn ich amerikanisches Fernsehen gucken will, dann lese ich doch kein Buch.

Lieblingsdialog nachdem ein haariger Italiener eine Qualle aus dem Meer gefischt hat. Deutsche Touristin mit ‘Just Married’-Paillettenschrift auf dem dicken rosa Hintern:
Don’t kill it, it is an animal.
Haariger Italiener zieht eine haarige Augenbraue hoch.
Pailletenschriftfrau: Er kann die ja auch ins Meer werfen.
Paillettenschriftfrauehemann: Schatz, kommst Du ins Wasser?
Paillettenschriftfrau: Ne. Ich geh zum Pool.

Recht wahllos Urlaubslektüre im Internet bestellt. Alberto Moravia, La Noia. Richard Prince, Cash. James Ellroy, Blut will fließen und irgendwas altes von Max Frisch. Bei der Lektüre der FAS-Empfehlungen für den Sommer an Cord Riechelmanns Satz zum Vampire Weekend Album hängengeblieben. “Der Plan Ernst Blochs, den Rechten die Motive zu entführen und damit links zu wenden, in Musik auf FDP-Schnösel angewandt. Großartig.” Soweit bekannt, leben derzeit noch sechs Intellektuelle und Schüler Ernst Blochs aus den Leipziger Jahren in Deutschland. Wer die nennen kann, der gewinnt den undotierten gerade von mir ins Leben gerufenen Wikipedia-Achievement-Award.